MIT DER E-K-S NACH LONDON
   'No sir, when a man is tired of London, he is tired of life!' (Samuel Johnson)

 

         

                                                           

Eine noble Uhr feiert Geburtstag

Big Ben wird 150: Zeiger drehen sich nun seit dem 31.Mai 1859 – Doch das Wahrzeichen gilt bei vielen als antiquiert

Von Jasmin Fischer

LONDON. Er wird geliebt, gehasst, als modernes Meisterstück bejubelt, als letzter Dinosaurier verspottet, ist Lieblingsmotiv für Touristen und Klischee: Big Ben muss sich zu seinem 150. Geburtstag die Frage gefallen lassen, ob sein "Ticktack" und "Bingbong" überhaupt noch der Herzschlag des Königreiches sind.

Das Leben des Großen Benjamin dürfte ganz nach dem Gusto der Briten sein, die von allen Dingen eines am meisten beglückt: der Triumph über die kleinen und großen Widrigkeiten des Lebens. Lange erinnerte der Uhrenturm genau an diese ur-britische Eigenschaft. Seine Konzeption allein war schon so ehrgeizig und vermessen, dass viele Uhrmacher der Viktorianischen Ära dachten, der Zeitmesser hinter Big Ben würde nie gebaut werden können. Doch die Great Westminster Clock, deren Zeiger sich seit dem 31. Mai 1859 fast ununterbrochen drehen, wurde vollendet.

Ein erster Triumph

Es sollte, das war der Wille von Visionären wie dem Anwalt und Uhrenfetischisten Edmund Beckett Denison, eine "noble Uhr" werden. Doch selbst Profis winkten damals ab: Akkuratesse für einen Zeitmesser, der ständig den Elementen ausgesetzt war, galt als unmöglich. Doch Denison verschaffte Big Ben den ersten Triumph, indem er Zeiger und Pendel trennte und so vor der Witterung schützte.

Doch bei der Generalprobe zerbrach die Glocke: 17 statt 14 Tonnen wog der Koloss, die Wucht des Schlaghammers war wohl falsch kalkuliert. Denison war außer sich, aber nicht bereit aufzugeben: Er umgarnte einen der Arbeiter und beschwatzte ihn, dass er das Missgeschick auf eine Handwerkspanne schob. Einige Monate später riss auch die zweite Version von Big Ben. Für Denison kein Grund aufzugeben: Er ließ den Riss vom Schlaghammer wegdrehen.

Manchmal Ausfälle

Das Meisterstück ist nicht immun gegen Ausfalle: Mal blockiert ein Starenschwarm den Minutenzeiger, mal wird das Symbol der parlamentarischen Demokratie von Schnee außer Betrieb gesetzt. Doch das ist ganz natürlich in einer Stadt, die der Wintereinbruch stärker lähmt als Krieg und Terror. Beides hat Big Ben unbeschadet, gar heldenhaft, überstanden; Er verlor das Glas seines südlichen Uhrenblattes bei einem Bombenangriff, doch die Uhr lief weiter, und zwar pünktlich.

Doch die Zeichen der Zeit sind andere: Englische Kolumnisten tun sich schwer mit ihrem Geburtstagsständchen. Einige empfinden sein Läuten als "tyrannisch", werden "depressiv" von der ewigen, unbarmherzigen Erinnerung, dass "ihre Stunde schlägt".

Dabei gibt es rechtzeitig zu seinem Geburtstag nun Big Bens Glockenläuten als kostenlosen Klingelton fürs Handy. Doch nach einem Nostalgie-Download ist den wenigsten Londonern zu Mute. Gequält reagiert selbst das Londoner Touristenbüro, das in Zeiten schwindender Besucher verzweifelt nach einem Hauptstadt-Botox sucht. "Wir müssen die Menschen daran erinnern, dass das heutige London anders ist", heißt es. Männer mit Schirm Charme und Melone, alte Routemaster-Busse und das ewige "Bingbong" von Big Ben -das passt nicht so ganz in ihr Konzept der flippigen Metropole. Die "Great Bell" dürfte so mit dem schwierigsten Widersacher ihrer 150-jährigen Geschichte hadern, der Wegwerfgesellschaft.

 

 

 

Hintergrund

”Big Ben“ heißt nur die schwerste Glocke

334 Stufen führen in den Glockenturm hinauf. Der “Keeper of the Great Clock", Uhrenwart Mike McCann, stellt dort noch immer mit alten Pennymünzen die Geschwindigkeit des Pendels ein - um eine Zwei-Fünftel-Sekunde pro Tag kann er die Uhr umstellen. Für den Richtwert ruft er die automatische Zeitansage an, stellt die Stoppuhr und dann die Fünf- Tonnen-Uhr im Turm. Streng genommen bezeichnet "Big Ben" nicht den Uhrenturm, sondern die schwerste der fünf Glocken im Turm.

Der Glockenschlag von Big Ben zum Herunterladen:

www.bigben.parliament.uk

 

HNA, 30.05.09