MIT DER E-K-S NACH LONDON
   'No sir, when a man is tired of London, he is tired of life!' (Samuel Johnson)

 

                                                               Eine Welt in Wachs erschaffen

Vor 250 Jahren kam Marie Grosholtz zur Welt – Als Madame Tussaud legte sie den Grundstein für ein Museumsimperium

Von Birgit Holzer

PARIS. Für Stars und Sternchen ist es ein echter Ritterschlag: Eine eigene Wachsfigur bei Madame Tussaud‘s. Marylin Monroe und David Beckham, Barack Obama und neuerdings auch Hollywood-Star Kate Winslet – das weltberühmte Wachsfigurenkabinett in London, das mittlerweile Ableger unter anderem in Berlin, Shanghai, Wien und New York hat, ist eine unterhaltsame Glitzer-Welt aus lebenden und verstorbenen Schauspielern und Sängern, Sportlern und Politikern. Wer auch in der Wirklichkeit Popstar Madonna niemals einen Arm um die Schulter legen wird – Madame Tussaud‘s macht es sogar möglich, dass es anschließend ein Foto davon gibt.

Wer aber war diese Marie Tussaud geborene Grosholtz, die dem Publikumsmagneten ihren Namen gab? Ihr 250. Geburtstag bringt die Frau ins Rampenlicht, die am Anfang der florierenden Museumskette stand. Zum exakten Geburtsdatum gibt es unterschiedliche Angaben – dass er Anfang Dezember 1761 war, gilt als gewiss.

Nachdem ihr Vater, der elsässische Offizier Joseph Grosholtz, noch vor ihrer Geburt im Siebenjährigen Krieg ums Leben kam, zog ihre Mutter von Straßburg nach Bern in die Schweiz, um dem Mediziner und Wachs-Skulpteur Philippe Mathé-Curtz, genannt Curtius, den Haushalt zu machen. Für die Halbwaise Marie wird der Onkel zum Vater-Ersatz. Als er nach Paris geht, wo er ein Studio für Wachsporträts eröffnet, holt er Mutter und Tochter nach. In seiner Werkstatt bringt er Marie die Technik des Farbmischens und das Modellieren lebensecht wirkender Figuren bei. Weil sie sich als begabte und passionierte Wachsbildnerin erweist, lässt er sie für sich arbeiten. Die junge Frau fertigt Porträts von Größen der Zeit an – Voltaire, Jean-Jacques Rousseau, Benjamin Franklin. Schließlich erhält sie Kontakt zum Hof von Versailles und gestaltet Porträts von König Ludwig XVI. und seiner Familie.

Als ihr Mentor Curtius 1794 stirbt, vererbt er ihr seine Sammlung. Ein Jahr später heiratet Marie den mittellosen Monsieur Tussaud, von dem sie zwei Söhne bekommt, sich aber später scheiden lässt. Für ihr wirtschaftliches Auskommen braucht sie ihn sowieso nicht. Ab 1802 setzt sie ihre Karriere in Großbritannien und Irland fort, wo sie unterstützt von ihren Söhnen mit ihren Schauen herumtourt.

Einen Nerv getroffen

1835 eröffnet sie ihr eigenes Museum in der Baker Street in London – die alleinerziehende Mutter und resolute Geschäftsfrau Tussaud macht sich mit ihrer Kunst selbst zur Marke. Einige Jahre vor ihrem Tod im April 1850 schafft sie als letztes Werk ein Selbstporträt, von dem noch immer jeweils ein Exemplar vor ihren Museen hängt – eine bieder aussehende Dame mit runder Brille, weißem Spitzenhäubchen und schwarzem Taftkleid, der man ihr Geschäftstalent kaum zutrauen würde. Und obwohl es längst Fotos und Filme gibt, die Berühmtheiten zeigen, trifft diese Frau Tussaud bis heute einen Nerv.

 

(HNA 10.12.11)