MIT DER E-K-S NACH LONDON
   'No sir, when a man is tired of London, he is tired of life!' (Samuel Johnson)

 

         

Hier lässt die Queen striegeln

Unterwegs in den "Royal Mews", den Hofstallungen der britischen Königin Elizabeth II.

Von Jasmin Fischer

 

LONDON. Wer den unscheinbaren Torbogen aus Stein durchschreitet, tritt ein in eine Ära, in der Kutschen so viel galten wie heute ein Ferrari. Fast 200 Jahre lang ist in den "Royal Mews", den Hofstallungen des Buckingham Palastes, alles beim Alten geblieben. Auch im Jahr 2010 wird hier noch gestriegelt, gewiehert - und gewohnt.

Dicke Mauem dämpfen die Motorengeräusche von draußen, hier, im Hof des vielleicht feinsten Pferdestalls Europas, schätzt man ein anderes Tempo, eine andere Art der Fortbewegung. Vier Beine, ein wohltemperiertes Gemüt und blaue Samtpolster kommen der Philosophie der "Royal Mews" am nahesten.

Zehn "Windsor Greys"

Von Hand wird im Hof gerade die Australische Staatskutsche verladen. Sie kommt vom Schloss Windsor, wo der Emir von Katar die Königin besucht. Für die zehn "Windsor Greys", die liebsten Kutschpferde der Queen, ist dies eine wichtige "Dienstreise": Sie führen bei Staatsbesuchen dekorativ die Parade an. Das ganze Jahr über ist der Terminkalender der königlichen Rösser dicht gedrängt. Im Frühjahr laufen sie in Ascot auf, im Herbst fahren sie zur Parlamentseröffnung zum Oberhaus - im Schlepptau die Queen, den Prinzgemahl, … oder, im langweiligsten Fall, die Post, die täglich vom Palast zum St. James's Square transportiert werden will.

38 Kutscher, Handwerker und Stallburschen leben direkt über den Stallungen - gewandet in rote, goldbeknöpfte Uniformen, mitten in London, und doch losgelöst vom Takt der Stadt. "Die Pferde brauchen rund um die Uhr Aufmerksamkeit", sagt Sarah Goldsmith, Mitarbeiterin des Königlichen Haushaltes, "sie müssen auch theoretisch jederzeit einsetzbar sein."

Morgens um 6 Uhr beginnt der Tag für die Bediensteten: Sie misten Boxen aus, putzen die fast 40 Tiere und wärmen sie auf. Danach fängt für alle Zwei- und Vierbeiner Ihrer Majestät das Training an. In der Reithalle werden die Arbeitspferde allen Eindrücken ausgesetzt, die sie bei Auftritten vor großem Publikum zu bewältigen haben: wehende Flaggen, Blitzlichtgewitter, Orchesterlärm, Gebrüll, Betrunkene oder Ohnmächtige, die ihnen vor die Hufe fallen. Selbst Schüsse dürfen sie nicht irritieren.

Mit vier Jahren kommen die nach Optik und Temperament ausgewählten Tiere zum Palast, 5 Jahre lang lernen und arbeiten sie dann für die prominente Dienstherrin. Auch die Kutscher üben täglich, um peinliche Bauchlandungen zu vermeiden.

Als Pferdenärrin lässt Elizabeth II. sich die persönliche Inspektion der Hofstallungen übrigens nicht entgehen: Zwei Mal im Jahr schaut sie höchstpersönlich nach dem Rechten.

Zwischen Mistgabeln, Scheuklappen und Ledergeschirren verwalten die Stallmeister ein großes, historisches Erbe. Alle Kutschen des Königlichen Haushaltes sind in den "Royal Mews" zu sehen, darunter die Hochzeitskutsche von Diana und Charles und die aktuelle Lieblingskutsche der Queen mit Zentralheizung und elektrischen Fensterhebern. Die bemalten, in Form geschnitzten Unikate des radio- und fernsehfreien 18. und 19. Jahrhunderts gleichen noch heute Litfaßsäulen voller politischer Botschaften.

Heute sind die Pferde längst kein Politikum mehr, aber an den Relikten dieses einst so mächtigen Königreiches schleppen sie weiter schwer. Die "Golden State Coach", teuerste und berühmteste Kutsche der Welt, hat in zwei Jahren ihren nächsten großen Auftritt. Acht Pferde der "Royal Mews" werden das Prunkstück zum 60. Thronjubiläum der Königin 2014 ziehen. Vier Tonnen wiegt es - so viel wie zwei rote Doppeldecker-Busse.

Kurz vor dem Jubiläum wird dann die Außenwand des Stalls eingerissen, um das goldene Ungetüm überhaupt in den Hof manövrieren zu können. Wer sich wundert, warum Elizabeth dann selbst an einem solchen Jubeltag in der 24-Karat-Goldkutsche eine säuerliche Miene macht, der möge sich an das Expertenwissen der Stallmeister in den Mews erinnern: Das Gefährt, verraten sie, schaukelt so sehr, dass selbst Navy-Offiziere darin seekrank werden.

 

(HNA, 30.10.10)