MIT DER E-K-S NACH LONDON
   'No sir, when a man is tired of London, he is tired of life!' (Samuel Johnson)

 

         

Solange die Raben da sind …

London: Der Rabenmeister im Tower – Garant für Englands Monarchie

von Axel Pinck

Sie gehören zum Tower von London wie die Kronjuwelen. Die Kolkraben im Innenhof der mehr als 900 Jahre alten königlichen Festung direkt an der Themse. Solange sie dem berühmten Gemäuer treu bleiben, wird nach einer Legende kein Feind Britannien erobern. Der königliche Rabenmeister und seine Mitarbeiter sorgen für das Wohlergehen der kostbaren Vögel und dass sie den Tower nicht verlassen. Mit gutem Futter und dem Stutzen einiger Flugfedern.

Tom Trent, Stellvertreter des Rabenmeisters im Tower von London, macht einen ernsten, aber durchaus entspannten Eindruck. Dabei ruht auf seinen Schultern die Verantwortung für den Fort- bestand des gesamten britischen Königreiches. Seit dem 17. Jh. garantiert ein königliches Dekret von Karl II. den blauschwarzen Raben besondere Pflege und Schutz.

Die Raben stehen unter dem Schutz der Krone

Nach dem großen Brand von 1666, der den Tower im Gegensatz zu 13 000 verkohlten Häusern der englischen Metropole unversehrt ließ, beschwerte sich der Astronom des Königs, dass Raben seine sorgsam geputzten Linsen in der Sternwarte des Tower immer wieder bekleckerten. Ausgerottet sollten sie werden, befand der zornige Monarch. Doch als er die Überlieferung hörte, dass ohne Raben der Tower und mit ihm auch das Königreich zerbröckeln würde, ließ er lieber die Sternwarte nach Greenwich umziehen und die Raben unversehrt bei der Festung. So stehen die Raben, die in vielen Kulturen als böses Vorzeichen angesehen werden, im Tower in hohem Ansehen und unter besonderem Schutz der Krone.

Im Tower erreichen die Vögel ein biblisches Alter

Fünf der 35 Beefeater mit dem königlichen "Ravenmaster" an der Spitze hegen und pflegen zusätzlich zu ihren sonstigen Diensten die illustren Vögel. "Sie sind sehr kräftig und haben einen scharfen Schnabel" weiß Tom Trent, und zieht sich einen dicken Lederhandschuh an. Zwei Mal am Tag erhalten die Tiere Futter: "Eine, spezielle Diät, hart gekochte Eier, Weintrauben, und in Blut getränkte Kekse. Dazu gibt es einmal am Tag Hühnchenkeulen oder Rindfleisch".

Ein mächtiger Rabe mit einem weißen Beinring kommt näher. "Hardey hier zählt etwa 27 Jahre. Raben in der freien Natur werden nur sechs bis sieben Jahre alt". Nicht nur die gute Verpflegung hält die Tiere innerhalb der Mauem des Festungsbaus. Tom: " Wir Stutzen ein paar der Flugfedern, schmerzlos und ohne weitere Folgen. Aber die Raben können nicht mehr sicher fliegen und bleiben hier auf dem Rasen, dem Tower Green".

In den letzten 350 Jahren haben die Raben viel gesehen. Nobilitäten, Staatsbesucher, aber auch illustre Gefangene des Königs. die den Tower nicht über die Zugbrücke beim Löwenturm sondern auf einem Kahn durch das Verrätertor, das "Traitors Gate", an der Themse erreichen. Dort. wo die Raben heute ihre Mahlzeiten einnehmen, stand früher der Richtblock des Henkers, auf dem unter vielen anderen Anne Boleyn, Walter Raleigh und Thomas Morus ihr Leben lassen mussten.

Tom Trent war nicht sein Leben lang Beefeater. Wer sich für den Dienst im Tower bewirbt, muss mindestens 22 Jahre in den Streitkräften seiner Majestät gedient haben und zwar ohne sich etwas zu Schulden kommen zu lassen, wie Tom ausdrücklich betont.

Zum allgemeinen Dienst der Beefeater im Tower gehört die Betreuung der 2,5 Millionen Besucher von Londons beliebtester Touristenattraktion und die Bewachung der Kronjuwelen. Wer sich darüber hinaus für das Ehrenamt eines Hüters der zur Zeit neun königlichen Raben bewirbt, sollte Zuneigung zu den intelligenten Vögeln entwickeln.

Zwei kritische Situationen hatten die Rabenhüter im Tower bisher zu überstehen. Im Jahre 1946, kurz nach dem Krieg und den Bombardierungen Londons, garantierte nach einem bis heute ungeklärten Kidnapping der Rabendame Mabel für kurze Zeit nur ihr Gefährte Grip den Bestand des Königreiches. Und Anfang 2006, zur Zeit der Vogelgrippe, wurden die Vögel aus Furcht vor Ansteckungsgefahr für mehrere Wochen erstmals seit 350 Jahren in einem geschlossenen Käfig gehalten.

Prinz Charles, der als Thronfolger ein unmittelbares Interesse am Fortbestand der Monarchie haben muss, ließ damals durch seinen Sprecher britisch knapp verkünden: " Wir sind froh, dass die Vögel in Sicherheit sind." Ein eigenes Zuchtprogramm sowie die enge Zusammenarbeit mit dem Londoner Zoo und Wildschutzgebieten im ganzen Land sollen Krisen in Zukunft gar nicht aufkommen lassen. Wenn es nach den Beefeatern des Londoner Tower geht, ist ein Ende des Britischen Königreichs kein Thema. Tom Trend: " Wir tun weiter unsere Pflicht."

Hintergrund

Beefeater

Beefeater ist ein scherzhafter Name für die zeremoniellen Wächter des Tower von London. Die eigentliche Bezeichnung der nach eigenen Angaben ältesten Leibwache der Welt lautet Yeomen Warders, komplett Yeomen Warders of Her Majesty's Royal Palace and Fortress the Tower of London. Sie sind seit 1485 für die Bewachung der Kronjuwelen und der im Tower einsitzenden Gefangenen zuständig. Heutzutage üben sie mehr zeremonielle Aufgaben und den Dienst als Führer durch den Tower aus und sind damit eine eigene Touristenattraktion.

(HNA)