MIT DER E-K-S NACH LONDON
   'No sir, when a man is tired of London, he is tired of life!' (Samuel Johnson)

 

         

Wie man in London die Fettnäpfchen vermeidet

 von Jasmin Fischer

Alltagsregel 1: Überleben auf Londoner Bürgersteigen

Die Hauptstadt tickt schneller als jede deutsche Metropole. Und ihre Bewohner gehen nicht, sondern joggen regelrecht. Bewegen Sie sich auf einem Londoner Bürgersteig also am besten wie auf einer deutschen Autobahn: Bremsen Sie nicht abrupt und wenden Sie nicht.

Passen Sie sich vielmehr dem Lauftempo der Londoner an oder ziehen Sie links rüber, wenn Sie auf die Karte gucken wollen. Achtung auf der Rolltreppe: Hier gibt es zwei "Spuren": Rechts stehen, links laufen.

Alltagsregel 2: Von "Sorry" und anderen Nettigkeiten

"Sorry" ist die wichtigste Vokabel für Londonreisende. Hauptstädter entschuldigen sich nicht erst, wenn sie jemanden auf den Fuß treten, sondern schon, wenn sie sich dicht am anderen vorbeizwängen müssen. Bei Kollisionen bricht eine wahre Entschuldigungsorgie aus: Es entschuldigt sich nicht nur der Rempler, sondern auch der Angerempelte. Lange Warteschlangen sind in London normal. Man erträgt sie mit stoischer Gelassenheit Hier drängelt niemand - auch nicht, wenn es superwichtig ist. Laut hörbares Ausatmen oder Kommentare über eine ineffiziente Organisation, eben typisch deutsche Reaktionen, sollte man sich in London verkneifen.

Alltagsregel 3: Bitte nicht zu nahe kommen

Zu viel Nähe verträgt man in der Hauptstadt gar nicht gut. Bei der Kontaktanbahnung mit Einheimischen reicht ein schlichtes "Hello". Bitte keine Wangenküsschen verteilen. Strecken Sie auch nicht die Hand aus - wenn Briten Sie mit einem Händedruck begrüßen wollen, werden sie den Anfang machen.

Alltagsregel 4: Small Talk

Briten sind Meister der angenehmen Gesprächsführung, so lange man bestimmte Fettnäpfchen meidet. Zählen Sie nicht gleich auf, welche Fehler Ihnen im Hotel, im Nahverkehr oder bei der Gepäckausgabe am Flughafen aufgefallen sind. Ihr Gesprächspartner ist mit den Mängeln seiner Heimat vertraut, er würde sich darüber aber nie beschweren und empfindet negative Äußerungen als Affront. Wenn er also plötzlich das Thema wechselt, ist das ein Wink mit dem Zaunpfahl: Lassen Sie sich lenken und plaudern Sie über Vergnüglicheres!

Fair Play gilt übrigens auch bei der Unterhaltung: Monologe, zu große Lautstärke und anderen ins Wort zu fallen, mag unter Umständen in Deutschland erlaubt sein, doch auf der Insel sollte man dem Verlangen widerstehen. Ein trocken-ironischer Kommentar ist willkommen. Ansonsten gilt: Bleiben Sie lässig!

Alltagsregel 5: Minenfeld Kneipe

In der Kneipe wird am Tresen bestellt. Man gibt kein Trinkgeld, zeigt aber, dass man ein netter Zeitgenosse ist, indem man am Ende des Abends die leeren Gläser zurück zur Bar bringt. Reservieren Sie Ihren Stuhl im Pub bitte nicht mit einem Handtuch.

Alltagsregel 6: Englisch für Fortgeschrittene

In Deutschland weiß man, woran man ist - die Kommunikation ist klar und direkt. Nicht so auf der Insel, wo alles unangenehme diplomatisch zwischen den Zeilen versteckt wird. Man wird Ihnen nie sagen, dass Ihre Meinung völlig abwegig, Ihr Outfit unmöglich oder Ihr Plan verrückt ist. Stattdessen heißt es: "Do you really think so?" oder "Are you sure this is the best way?"

Wenn Briten etwas als "very interesting" bezeichnen, heißt das so viel wie "Himmel, was für ein Schwachsinn!" Spitzen Sie die Ohren, wenn es "a tiny problem" gibt, jemand "not happy" mit einer Angelegenheit ist: Da dies die drastischsten Negativformulierungen sind, zu denen Briten nur im Notfall greifen, steht entweder gerade Ihr Hotel in Flammen oder eine Würgeschlange versteckt sich gerade unter Ihrem Salatblatt.

 

(HNA 27.04.11)